Muss ich ein Schwimmbad einbauen?

Trotz Corona und Homeoffice bleiben Büros gefragt, davon profitiert die DIC Asset AG aus Frankfurt. Deren Kunden fragen aber immer häufiger nach, mit welcher Ausstattung sie Fachkräfte anlocken

Von Thorsten Winter

Neuerdings bekommt Sonja Wärntges Fragen gestellt, die sie in früheren Jahren nie gehört hat. Kunden, erzählt sie, möchten auf einmal wissen: Wie machen das denn andere Firmen? Das Wort „das“ bezieht sich auf die Büroausstattung. Dabei ist sie weder Personalberaterin noch Coach für Soziales. Vielmehr führt die Ökonomin und Mathematikerin den Frankfurter Immobilienkonzern DIC Asset AG und zeichnet zugleich als dessen Finanzchefin. Diese Rolle macht sie zu einer Ausnahme in den Unternehmen hierzulande, zumal unter den börsennotierten Firmen.

Dessen ungeachtet weiß sie von der steigenden Notwendigkeit, um Fachkräfte zu werben. Und dieses Ringen führt bisweilen nicht nur zu früher ungewohnten Fragen an die DIC-Doppelchefin. Kunden machen sich nun auch vor wenigen Jahren noch als abwegig eingeschätzte Gedanken: „Muss ich ein Schwimmbad einbauen?“ Dies hat nach Wärntges‘ Worten allen Ernstes jemand wissen wollen auf der Suche nach neuen Büros.

Im Marienturm an der Frankfurter Taunusanlage, nicht weit weg von der DIC-Zentrale neben dem Schauspiel, bietet sich der Belegschaft ein Rundumservice einschließlich Plätzen für die Kinderbetreuung, wie sie sagt. Parkplätze für Autos und Fahrräder, Stellflächen für E-Fahrzeuge, eine Dachterrasse und eine Cafeteria sowieso: Dergleichen gehöre zu einem zeitgemäßen Bürogebäude. Schnelle Netze nicht zu vergessen. Denn ohne Digitalisierung läuft nichts mehr, wie die Pandemie gezeigt hat. Und auch nach Corona, wann immer das sein mag, werden mobiles Arbeiten und Homeoffice auch die Technik des jeweiligen Arbeitgebers herausfordern. Es sei nicht die Frage: Wird es weiter Büros geben? Denn viele Arbeitgeber wollen ihre Beschäftigten wieder mehr am angestammten Arbeitsplatz sehen und umgekehrt so mancher Mitarbeiter gerne mit Kollegen einen Raum teilen. So gehe es vielmehr um zweierlei: Was alles müssten Firmen ihren Mitarbeitern bieten? Und: „Wie kriege ich ESG hinein?“ Das Kürzel ESG steht für den Dreisprung der Nachhaltigkeit, der von Unternehmen nun erwartet wird: Environmental, Social und Governance, also Umweltfragen, Soziales und gute Unternehmensführung.

Auch die im Kleinwerte-Börsenindex SDax gelistete DIC Asset AG beschäftigt sich mit dem Büro der Zukunft. Schließlich hat das Unternehmen nicht nur entsprechende Gebäude im eigenen Portfolio, seine Beschäftigten arbeiten selbstredend ebenfalls in Büros, sofern sie wegen der Folgen der Pandemie nicht von zu Hause aus tätig sind. Flexibilität nennt die Chefin als wesentliche Kennzeichen der Arbeitsplätze der Zukunft. Sie meint damit etwa Räume zum Zusammenkommen und Konferenzräume mit moderner Technik, in denen sich Mitarbeiter beraten, aber eben auch gemeinsam arbeiten können. Das sei „ein großes Thema“. Denn auch Kunden fragten nach flexiblen Flächen.

Das Kürzel ESG strahlt aber nicht nur auf die Ausstattung von Bürogebäuden aus. Auch im Management macht es sich bemerkbar, speziell im Stellenplan. Die Führungsriege der DIC wird unter Wärntges weiblicher: Der Frankfurter Konzern beschäftigt nun außer einem Head of Sustainability, also einer Art Verantwortlichen für Nachhaltigkeitsfragen, neuerdings für das Personalwesen auch einen Head of People and Culture. Beide Posten hat das Unternehmen mit Frauen besetzt.

Um das „S“ in ESG dreht sich nach den Worten von Wärntges auch vieles auf einem für ihr Unternehmen noch neuen Geschäftsfeld: Logistikimmobilien. Wer öfter Autobahn fährt, ob A 4, A 5 oder auch A 9, weiß: Solche „Kästen“ mit Hochregallagern und ähnlichen Anlagen darin sind in den vergangenen Jahren zuhauf aus dem Boden geschossen. Wie steht es da jetzt noch um verfügbare Grundstücke? „Da gibt es noch einiges“, sagt Wärntges. Wobei der Blick nun nach Ostdeutschland und jenseits der Grenze zu Polen gehe, wo etwa Amazon vertreten ist und das Lohngefälle für sich nutzt. Ländergrenzen spielen für Logistiker in der EU keine große Rolle mehr.

Noch vor zehn Jahren seien Logistikzentren für Immobilien-Investoren kein nennenswertes Thema gewesen, in „Wände mit Regalen“ habe kaum jemand Geld stecken wollen. Das habe sich geändert. DIC habe einen Logistik-Fonds aufgelegt und in drei Monaten das nötige Eigenkapital beisammengehabt. Ein Logistikzentrum auf dem platten Land zu betreiben sei aber eine Herausforderung. Beschäftigte müssten im Zweifel in der Nähe oder zumindest nicht weit davon entfernt wohnen können. Sie benötigten Parkplätze und gerne auch eine Gastronomie für die Mittagspause. Hier komme in der Logistik das „S“ für „Soziales“ wieder ins Spiel, auf das Investoren zunehmend achten. Dabei seien die Renditen niedriger als bei anderen Gewerbeimmobilien. Die Rendite im eigenen Portfolio beziffert die Chefin auf acht Prozent, für den Logistik-Fonds rechne sie mit 4,5 bis fünf Prozent.

Insgesamt hat sich die DIC, die auch Immobilienvermögen für institutionelle Anleger betreut, im Jahresverlauf gut geschlagen. Die zentrale Ertragskennziffer Fund from Operations belief sich laut Neunmonatsbericht auf 79,6 Millionen Euro, neun Prozent mehr als vor einem Jahr und Höchstwert. „Es läuft“, sagt Wärntges mit Blick auf das Geschäft der Firma, die Gebäude im Wert von mehr als elf Milliarden Euro im Portfolio hat.

Die Aktie läuft gleichwohl seit Monaten seitwärts und pendelt in einem Korridor zwischen 14 und 16 Euro. Dies spiegelt für Wärntges eine Unsicherheit unter Aktienkäufern mit Blick auf die Zukunft von Büro- und Handelsimmobilien wider. Da müsse DIC verstärkt Aufklärungsarbeit leisten. Dabei läuft die Aktie der Frankfurter mit einem Jahresplus von 13 Prozent klar besser als der Branchenindex. Wärntges hat zuletzt erst im November wie zuvor schon öfter in der Vergangenheit mit eigenem Geld Vertrauen in das Geschäftsmodell gezeigt und DIC-Aktien erworben. Ihre Dividendenrendite von knapp fünf Prozent ist zudem hoch. Das Analysehaus M. M. Warburg etwa empfiehlt das Papier zum Kauf, Kursziel 23,65 Euro.

 

Quelle: F.A.Z. Rhein-Main-Zeitung; 08.12.2021 von Thorsten Winter
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